Canon EOS R5 und R6: Wie gut sind die RF-Kameras?

Vor zwei Jahren hat Canon sein neues RF System vorgestellt. Kürzlich wurden mit der EOS R5 und R6 die Kameras der zweiten Generation vorgestellt und auch die Objektivauswahl ist inzwischen etwas besser. Ich werfe also einen zweiten Blick auf das System und frage mich, ob es empfehlenswert ist.

Im September 2018, zur letzten Photokina, hatte Canon die große Neuigkeit angekündigt: auf das EF System sollte das RF System folgen. Ein neues Bajonett, neue (spiegellose) Kameras und neue Objektive – das ist eine große Umstellung, man fängt praktisch von null an. Mit den kürzlich vorgestellten vier neuen Objektiven gibt es inzwischen schon eine gewisse Auswahl an RF Objektiven. Nun hat Canon also die beiden Kameras R5 und R6 vorgestellt. So mancher denkt hier an Nachfolger der Spiegelreflexkameras 5D und 6D. Wobei sich die Kameras nicht bei Autofokus und Geschwindigkeit unterscheiden, sondern bei der Auflösung. Bemerkenswert ist außerdem bei den beiden Kameras, dass es nun erstmals bei Canon eine stabilisierten Sensor gibt – etwas was andere Kameramarken schon länger haben. Aber schauen wir uns die Kameras etwas näher an.

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Canon EOS R5

Die EOS R5 ist das neue Topmodell im Canon-Lineup. Sie kommt mit 45 Megapixel, 20 Bilder pro Sekunde und 8K-Video – dafür kostet sie 4400 Euro. Abgesehen davon, dass ich eh nichts für Video übrig habe, so halte ich das Feature 8K-Video eher für einen Marketingthema. Für die meisten User wird 4K-Video völlig ausreichend sein. Was die Fotoauflösung von 45 Megapixel angeht, da gibt es wirklich einige User, die das wollen und auch ausnutzen. Ansonsten kommt die R5 mit einem Schulterdisplay und den bei Canon üblichen Bedienelementen. Zum Glück hat man diese dämliche Touchbar weggelassen, die es bei der EOS R gab, und nun einen vernünftigen Mini-Joystick verbaut.

Canon gibt an, der IBIS (In Body Image Stabilisier) würde 8 Blenden schaffen. Ähm, wie bitte? Das wäre bei 300mm Brennweite eine Belichtungszeit von 1/2 Sekunde. Das ist nicht realistisch. Wie auch immer, es ist erfreulich, dass es nun auch bei Canon endlich eine Sensorstabi gibt. Bemerkenswert finde ich noch, dass der Autofokus nun bis zu einer Helligkeit von -6 EV funktioniert. Ansonsten kommt die Kamera mit einem 3,2″ großen Display, was seitlich klappbar ist, und einem Sucher, der mit 1600×1200 Pixel sehr gut auflöst (die Marketingabteilung nennt das 5,76 Millionen Bildpunkte, weil sie die RGB-Punkte einzeln pro Farbe einzeln zählt). Die Suchervergrößerung beträgt 0,76-fach und der Sucher kann eine Bildwiederholfrequenz von 120 Hz darstellen. Blöderweise ist dann der (vergrößerte) Akku schneller leer, als man ‘Spaghetti’ sagen kann, sodass die meisten User den Sucher auf 60 Hz stellen werden. Überhaupt ist der Stromverbrauch der Kamera erstaunlich hoch. Der neue Canon Akku hat 2130 mA und die R5 schafft damit nach CIPA-Standard nur 320 Aufnahmen. Zum Vergleich: der Akku der Sony A7 III hat 2280 mA und die Kamera schafft damit 610 Aufnahmen.

Die Kamera verfügt natürlich über WLAN und Bluetooth. Sie hat zwei Speicherkartenplätze, einen ‘normalen’ SD-Steckplatz und einen CF-Express-Steckplatz, der wohl für die bei 8K-Video benötigen Datenrate gebraucht wird – einschließlich teuren Karten und exotischen Kartenleser. Ansonsten werden im Marketingtext noch die beiden Funktionen Dual-Pixel-AF und 10-Bit-HDR im HEIF-Format genannt. Dual-Pixel-RAWs sind ein Sonderformat, dass sich nicht in Lightroom sondern nur in der Canon-Software nutzen lässt; man kann dann den Fokus im Nachhinein im Mikrobereich verschieben – das ist aber so wenig, dass es sinnfrei ist und man deshalb wohl kaum die Canon Software nutzen wird. Das HEIF-Dateiformat ist eine Art ‘erweitertes JPG’; Apple hatte damit angefangen die iPhone-Fotos in diesem Format zu speichern. Bei einer ‘richtigen’ Kamera wie der Canon R5 sehe ich aber keinen Grund 10-Bit-HEIF zu nutzen, wenn ich viel besser 14-Bit-RAW nutzen kann.

Zusammenfassend kann man sagen, die EOS R5 ist der Bolide für’s Kamera-Quartett. 45 Megapixel, 20 fps, 8K Video und ein Anschaffungspreis über 4000 Euro. Kann man machen, aber wofür? Nur wenige werden das brauchen. Und damit komme ich zu der anderen und meiner Meinung nach interessanteren Kamera, der EOS R6.

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Canon EOS R6

Die Eckdaten der EOS R6 sprechen mich eher an: 20 Megapixel, ISO 102.400, 4K-Video und ein Preis von 2600 Euro. Wie zuvor angesprochen, die Auflösung sollte sowohl für Fotos als auch für Videos ausreichend sein. Einerseits sind dann die Datenmengen besser handhabbar und verarbeitbar, andererseits sind die einzelnen Pixel auf dem Sensor größer, sodass Dynamik und Rauschverhalten davon profitieren sollten. Mehr dazu in ein paar Sätzen weiter unten, wenn ich über die Bildqualität rede.

Das Gehäuse der R6 ist sehr ähnlich wie das der R5, aber Canon hat hier Einsparungen vorgenommen. So gibt es kein Top-Display sondern nur ein herkömmliches Wahlrad. Das finde eine etwas komische Entscheidung, aber darauf kann ich verzichten. Was ich eher bemerkenswert finde ist, dass Canon nicht den hochauflösenden Sucher wie in der R5 verbaut sondern hier kommt ein geringer auflösender Sucher mit 3,69 statt 5,76 Millionen Bildpunkten zum Einsatz. Das ist die typische Abgrenzung, die mich bei Canon schon immer gestört hat. Ist man denn ein minderwertiger User, wenn man nur 2600 € zahlt und hat nur den schlechteren Sucher verdient? Nur wer 4400 € für die 45-Megapixel-Kamera zahlt, nur der bekommt auch den guten Sucher. Wie dämlich. Bei Nikon haben die Z6 und Z7 die gleiche Ausstattung und den gleicher Sucher, ebenso bei Sony A7 III und A7R III/IV. Aber bei Canon wirst du bestraft, wenn du – aus guten Gründen – die Kamera mit der geringeren Auflösung wählst. Wirklich ärgerlich vom Prinzip her.

Ansonsten hat die EOS R6 viele gute Eigenschaften auf dem Papier. Das neue Autofokus-Modul (mit bis zu -6 EV), der schnelle Sensor mit 20 Bilder pro Sekunde, der Bildstabilisator (mit angeblich 8 Blenden Leistungsfähigkeit) und die zuvor genannte Ausstattung mit Klappdisplay, WLAN, Bluetooth usw., wobei hier zwei SD-Kartenplätze in der Kamera verbaut werden. Exotische CF-Express-Karten kommen hier nicht zum Einsatz.

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Bildqualität

Canon sagt, weil die R6 eine geringere Auflösung hat als die R5, deshalb ist sie besser beim Dynamikumfang und im High-ISO Bereich. Dazu wurde dann dieses Beispielbild mit ISO 32.000 veröffentlicht. Während Canon grundsätzlich für gute Bildqualität im Sinne Farbwiedergabe, Kontraste und Schärfe bekannt ist, so ist es leider auch so, dass sie in den letzten Jahren starke Defizite im Bereich High-ISO und Dynamikumfang hatten. Man muss klar sagen, die Bildsensoren von Sony, die teilweise auch von Nikon genutzt werden, waren hier einige Jahre voraus. Insbesondere die EOS 6D II war diesbezüglich eine große Enttäuschung um nicht zu sagen eine Frechheit.

Die Konkurrenz in Form von Sony A7 III und Nikon Z6 ist hier also auf einem ziemlich hohen Niveau, und es stellt sich die Frage wie weit Canon nun mit der EOS R6 aufholen kann. Das Beispielbild lässt nicht allzu viel hoffen. Ehrlich gesagt, das sieht ziemlich mies aus. Ich meine, vergleiche dieses Bild mit ISO 32.000 bitte mit meinem Beispielbild aus der Sony A6400 mit ISO 25.600. Ich finde das Bild aus der Sony sieht besser aus und rauscht weniger und die Sony ist eine APS-C-Kamera! Ich will mich jetzt nicht zu weit aus dem Fenster lehnen und noch weitere Tests der EOS R6 abwarten, aber ich habe den Eindruck, dass Canon hier abermals enttäuscht. Ich persönlich finde Dynamikumfang wichtiger als Detailauflösung. Was bringt mir das Hochzeitsfoto in der Dämmerung im Gegenlicht, wenn ich die Gesichter des Brautpaars nicht aufhellen kann? Dann ist es egal, ob das Bild 20, 40 oder 60 Megapixel hat.

Canon RF Objektive

So sieht das Angebot an RF Objektiven von Canon derzeit aus:

  • RF 15-35mm f/2.8 L IS USM (2436€)
  • RF 24-70mm f/2.8 L IS USM (2436€)
  • RF 24-105mm f/4.0 L IS USM (1168€)
  • RF 24-105mm f/4.0-7.1 IS STM (486€)
  • RF 24-240mm f/4.0-6.3 IS USM (973€)
  • RF 28-70 f/2.0 L USM (3167€)
  • RF 35mm f/1.8 Macro IS STM (535€)
  • RF 50mm f/1.2 L USM (2436€)
  • RF 70-200mm f/2.8 L IS USM (2777€)
  • RF 85mm f/1.2 L USM (2923€)
  • RF 85mm f/2.0 Macro IS STM (681€)
  • RF 100-500mm f/4.5-7.1 L IS USM (3020€)
  • RF 600mm f/11 IS STM (778€)
  • RF 800mm f/11 IS STM (1022€)
  • RF Extender 1.4x (583€)
  • RF Extender 2.0x (730€)

Das ist zwar noch weit entfernt von der Auswahl, die man beim Sony FE System hat. Man ist ungefähr auf dem Stand, wo Sony vor 5 Jahren war. Es gibt bei Canon zurzeit nur ein Ultraweitwinkel (für deutlich über 2000€) und nur zwei Telezooms (für je knapp 3000€). Überhaupt erscheint mir die Preisgestaltung ziemlich selbstbewusst, es gibt nur 4 Objektive unter 900€, aber 7 Objektive über 2400€.

Wenn man unbedingt Canon haben will (vorhandene alte EF Objektive sollten hier kein Argument sein, da man die bei Canon RF und Sony FE gleichfalls adaptieren kann) und von einem bestimmten Objektiv überzeugt ist (das 28-70/2.0 wird sicher einige Hochzeitsfotografen überzeugen und das 100-500 einige Wildlifefotografen) dann kann man sicher zugreifen. Aber man muss auch sagen, dass beim Sony FE-System die Auswahl erheblich umfangreicher ist; sowohl die diversen Sony Linsen als auch jene von Tamron, Sigma, Samyang wie auch manuelle Optiken von Voigtländer, Laowa und vielen anderen, insgesamt gibt es über 100 FE-Linsen.

Es gibt bei Canon aber auch ein paar Prosumer-Objektive, wo Canon sich etwas getraut hat und einen technischen Vorteil der Mirrorless-Systeme ausspielt. So gibt es das verkleinerte 24-105 mit Offenblende f/7.1 am langen Ende. War der Autofokus von DSLR-Kameras noch vor einigen Jahren darauf angewiesen vom Objektiv mindestens mit Lichtstärke f/5.6 versorgt zu werden, so kann der heutige Autofokus von Mirrorless-Kameras auch bei viel weniger Licht noch vernünftig scharfstellen. Anders ausgedrückt, der AF der 5D III arbeitet bis zu einem Lichtwert von -2, der AF der R6 kommt bis zu -6,5 noch zurecht. Canon hat das einen Schritt weitergedacht und zwei kompakte und günstige Supertele mit f/11 rausgebracht. Diese lassen sich sogar mit 2x Extender (also dann mit f/22) noch mit Autofokus nutzen! Das ist ziemlich beeindruckend. So werden sehr lange Brennweiten, die sonst nur mit ultra-teuren und sehr sperrigen Objektiven möglich waren, auf einmal auch für Amateure erschwinglich. Für manche Ornithologen mag das ein Wechselgrund sein (wenn auch die Bilder dann aufgrund der hohen ISO stark rauschen).

Fazit

Canon musste noch vielen Jahrzehnten mit dem EF-System den Schritt gehen neu anzufangen, denn es war klar, dass Spiegelreflexkameras keine Zukunft haben; die Zukunft ist spiegellos und heißt bei Canon RF. Die ersten Kameras waren eher peinlich, aber mit R5 und R6 hat Canon signifikant aufgeholt und kann sich wieder blicken lassen. Willkommen im Jahr 2020!

Die R5 ist dabei der hochauflösende Bolide und die R6 ist eher die Allround-Vollformatkamera z.B. auch für Hochzeit, Reportage, Sport, Alltag. Canon hat immer noch den Namen des Marktführers (was sie bei Vollformat seit ein paar Jahren nicht mehr sind) und vor allem viele User mit vielen EF-Objektiven. Aber mal ehrlich, ein EF-Objektiv kann ich genauso gut an eine Sony Kamera adaptieren. Warum soll ich mir dann die R5 mit 45 Megapixel für 4400 Euro kaufen, wenn ich die Sony A7R IV mit 61 Megapixel für 3800 Euro haben kann?

Wer eine aktuelle Canon Vollformatkamera sucht, für den ist die R6 sicher keine schlechte Wahl. Guter Autofokus, IBIS, moderne Funktionen, all das für 2600 Euro erscheint brauchbar. Das Problem ist hier wieder, dass ich eine hervorragende Sony A7 III für 1900 Euro bekomme. Und dann gibt es auch noch Nikon, deren Z6 ich aktuell für 1500 Euro kaufen kann. Der für Canon tragische Punkt ist, dass sowohl die Sony als auch die Nikon vermutlich die bessere Bildqualität bieten. Da muss man schon ein richtiger Canon-Fan sein oder ein ganz bestimmtes RF-Objektiv unbedingt haben wollen um sich die R6 schönzureden. Dennoch sehe ich den Wettbewerb dieser drei Marken bei Vollformat-Mirrorless-Kameras durchaus positiv, denn als Fotograf hat man die Wahl und bekommt derzeit viel geboten für sein Geld. Alle diese Kameras bringen Leistungen, die wir uns vor einigen Jahren kaum hätten vorstellen können.

16.08.2020

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