ProRaw fotografieren mit dem iPhone 12 Pro Max

Fotografieren mit dem Handy ist nichts Neues. In den letzten Jahren habe ich mein iPhone immer als Zweitkamera neben der großen Systemkamera gesehen. Das Handy ist halt die Kamera, die man immer dabei hat. Aber mit dem Upgrade auf das 12 Pro Max und der neuen ProRaw-Funktion hat sich daran etwas geändert.

Vergangenheit

Letztens bin ich irgendwann nochmal alte Fotos durchgegangen. Da waren Bilder dabei, die ich mit dem iPhone 4 aufgenommen hatte. Geringe Auflösung, kaum Dynamikumfang und starkes Rauschen – das zeichnet diese Bilder aus. Aber es waren Erinnerungen an bestimmte Momente. Obwohl ich meine ‘große’ Kamera nicht dabei hatte, konnte ich mit dem Handy diese Fotos machen.

Mit der Zeit sind die Kameramodule in den Telefonen besser geworden, aber natürlich nutzen sie immer noch einen winzigen Sensor mit einer Mini-Festbrennweite. Das iPhone 4 hatte noch 5 Megapixel, seit dem iPhone 6S sind es 12 Megapixel. Mit dem iPhone 7 Plus gab es erstmals eine zweite Linse. Mehr zur Entwicklung der Kameramodule in den iPhones habe ich in diesem Artikel geschrieben.

Gegenwart

Die letzten Jahre habe ich das iPhone 7 Plus genutzt und da ging es schon los mit der Computational Photography. Mit dem Portraitmodus werden Tiefeninformationen erfasst – das Telefon erkennt also, welche Bildbestandteile nah und welche weit weg sind – und kann dann einen unscharfen Hintergrund erzeugen, obwohl man optisch eigentlich einen größeren Bildsensor für echtes Bokeh bräuchte. Mit dem HDR-Modus werden in Millisekunden mehrere Belichtungen miteinander verrechnet – und schon hat das Foto keinen ausgebrannten Himmel mehr und die Tiefen haben auch noch Zeichnung. Der Dynamikumfang des Bildes wurde also erhöht, obwohl der winzige Bildsensor eigentlich gar nicht diesen Dynamikumfang bietet.

Das sind Funktionen, die eine ‘richtige’ Kamera nicht bietet. Wenn ich da mehrere Bilder miteinander verrechnen möchte, dann muss ich das recht aufwendig in Photoshop machen. Und wenn das halbwegs gut aussehen soll, dann muss ich da mit Ebenenmasken nacharbeiten. Das ist nichts, was man mal eben auf die Schnelle macht.

Zukunft

Nunja, ich habe mir ein iPhone 12 Pro Max zugelegt. Es sieht eigentlich genau so wie mein 7 Plus aus und ist nur etwas kantiger. Aber es hat eine Ultraweitwinkel-Linse mit 13mm f/2.4 – was ziemlich klasse in einigen Situationen ist, wo man viel drauf bekommen möchte. Dann hat es die Normalweitwinkel-Linse mit 26mm f/1.6 – dessen Sensor ist nun 50% größer als zuvor. Außerdem gibt es eine Tele-Linse mit 65mm f/2.2 – das gibt mehr Reichweite und ist auch stabilisiert. Dazu sorgt noch ein Lidar-Sensor für Tiefeninformationen unabhängig vom verfügbaren Licht. Das ist schonmal keine schlechte Ausstattung.

Aber das eigentlich Spannende ist, dass man damit Computational Photography und Raw-Fotos gleichzeitig nutzen kann. Das Telefon nimmt DNG-Dateien auf, die von Apple ProRaw genannt werden. Dazu kommt noch ein sogenannter Nachtmodus. Das Ergebnis sind Fotos, die mich wirklich überrascht haben. Das iPhone macht nun in einigen Situationen bessere Fotos als meine ‘große’ Sony Kamera!

Wie geht das?

Ich kann es nicht genau erklären, aber im Prinzip werden in dem Moment, wo man den Auslöser drückt, verschiedene mehrfache Belichtungen angefertigt, die dann ziemlich schlau automatisch miteinander verrechnet werden. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Neural Engine – das ist eine Einheit von 16 Prozessorkernen, die auf dem Chip des iPhones arbeitet und maschinelles Lernen benutzt.

Jedenfalls drückt man den Auslöser und einen Moment später wird eine DNG-Datei gespeichert, die einen super Dynamikumfang hat und praktisch nicht rauscht. Ich meine, was will man denn als Fotograf mehr?

Erste Erfahrungen

Mit Fotoreisen sieht es gerade schlecht aus 🙁 aber man kann ja auch vor der Haustür fotografieren. Also habe ich einen sonnigen Tag für einen ersten Test genutzt. Handy raus, Raw an, Auslöser gedrückt und später die Datei in Lightroom Classic angeschaut.

Beispiel 1 – unbearbeitet
Beispiel 1 – bearbeitet
Beispiel 1 – 100% Ansicht

Wirklich nicht schlecht – für ein Handy. Hätte ich das Bild vor ein paar Jahren mit meiner Canon DSLR-Kamera gemacht, würden die aufgehellten Tiefen wohl mehr rauschen. Meine aktuelle Sony Mirrorless-Kamera hätte aber wohl kein Problem damit gehabt und würde noch etwas mehr Detailauflösung bieten. Dennoch erstaunlich, dass ich hier anfange das Handy quasi auf Augenhöhe mit der ‘großen’ Kamera zu vergleichen.

Nun gut, solange genug Licht vorhanden ist, mag das alles noch relativ einfach sein. Doch Handyfotos schwächeln eigentlich immer dann, wenn es dunkel wird. Wir alle kennen diese verrauschten und verwackelten Bilder aus Restaurants, Kneipen oder von Konzerten – typische Situationen, wo man seine ‘große’ Kamera nicht dabei hat, aber trotzdem ein Erinnerungsfoto machen möchte. Tja, die Cocktailbars in Köln haben zurzeit alle geschlossen 🙁 aber statt Zwielicht habe ich direkt eine sehr dunkle Umgebung ausprobiert, also einfach mal eine Nachtaufnahme aus der Hand gemacht. Die technischen Daten des Fotos lauten 1/5s, f/1.6, ISO 5000 – das ist ein Lichtwert von -8EV.

Beispiel 2 – unbearbeitet
Beispiel 2 – bearbeitet
Beispiel 2 – 100% Ansicht

Wow, das ist wirklich beeindruckend. Kaum zu glauben, dass ich das Foto quasi im Vorbeigehen mit dem Handy gemacht habe. Kein Stativ, keine Langzeitbelichtung. Die Lichter der Fenster im Obergeschoss sind nicht ausgebrannt und der dunkle Bereich an der Haustür wurde mehrere Blenden aufgehellt. Ehrlich gesagt bin ich nicht sicher, ob das meine Sony Kamera mit einer lichtstarken Festbrennweite geschafft hätte.

Fazit

Das Fotomodul im iPhone hat eine erstaunliche Entwicklung hingelegt. Die drei Linsen erweitern die Anwendungsmöglichkeiten und die von der Neural Engine erzeugten ProRaw-Dateien sehen wirklich gut aus. Ich will nicht von einem Gamechanger reden oder vom Tod der Systemkamera, aber mit dieser Technik sind Handybilder keine Schnappschüsse mehr sondern eine ernsthafte Alternative, sodass man sich umso mehr überlegt, wann man die Systemkamera noch mitnimmt.

Ich habe das erst ein paar Tage ausprobieren können und bin mal gespannt, wie das nach ein paar Monaten aussieht. Sicher ist, im Telebereich und wenn es um Detailauflösung geht, hat die Systemkamera ganz bestimmt noch ihre Daseinsberechtigung. Aber in Alltagssituationen – und jetzt eben auch abends – werde ich mit dem iPhone sicher mehr fotografieren als zuvor. Die neue Technik ist wirklich beeindruckend.

03.01.2021

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